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Mein Alltag mit Corona: Ulrike Hauffe (BARMER)

„Geburtsvorbereitung ist sehr viel schwieriger geworden“

Die Diplom-Psychologin Ulrike Hauffe war mehr als 20 Jahre lang Bremer Landesfrauenbeauftragte. Als ehrenamtliche Versichertenvertreterin und stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates der BARMER setzt sie sich besonders für eine Gesundheitspolitik ein, die auf die verschiedenen Bedürfnisse der unterschiedlichen Geschlechter eingeht. Große Probleme sieht sie in der aktuellen Pandemiesituation in der Begleitung werdender Mütter.

Frau Hauffe, als vor einem Jahr der erste Corona-Lockdown verkündet wurde, spekulierten viele: Da wird die Geburtenrate aber steigen. Es ist anders gekommen. In Deutschland sind in den vergangenen zwölf Monaten nicht mehr Frauen schwanger geworden als in anderen Jahren auch. Was ist passiert?

Ich denke, das lässt sich erklären. Zum einen ist die Belastung in den Familien extrem groß in dieser Pandemie. Viele sind am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. Was Familien an zusätzlicher Care-Arbeit zu erbringen haben, wurde lange nicht gesehen, auch von der Politik nicht. Zum zweiten gibt es eine massive soziale Verunsicherung. Kurzarbeit, die Angst um den Job – diese Sorgen betreffen alle Geschlechter, aber vor allem Frauen sind wieder einmal viel stärker betroffen, auch weil sie zum Beispiel viel häufiger in Minijobs arbeiten. Viele haben das Gefühl: Das ist jetzt nicht die beste Zeit, um ein Kind in die Welt zu setzen.

Drittens sollten wir nicht vergessen, dass nicht jede Schwangerschaft geplant ist. Ungeplante Schwangerschaften hat es im vergangenen Jahr aber vermutlich seltener gegeben. Durch all die Kontaktbeschränkungen hatten die jungen Leute weniger Gelegenheit, einander so nahezukommen, dass dabei ein Kind entsteht. Die Statistik zeigt, dass es 2020 auch weniger Schwangerschaftsabbrüche gegeben hat als in anderen Jahren, und dieser Rückgang ist besonders deutlich in den Altersgruppen zwischen 15 und 24 Jahren. Wir sehen, ein Lockdown treibt nicht in jedem Fall die Geburtenrate in die Höhe.

Immerhin: Es kommen auch nicht weniger Kinder auf die Welt als in besseren, pandemiefreien Zeiten. Wie ergeht es aktuell den werdenden Müttern und ihren Partnern?

Die gesamte Geburtsvorbereitung ist sehr viel schwieriger geworden. Alles, was bisher in der Gruppe stattfand, muss anders bewältigt werden. Zum Glück dürfen die Hebammen jetzt Online-Kurse durchführen und entsprechend bei unseren Krankenkassen abrechnen. Das löst viele, aber nicht alle Probleme, wenn wir ehrlich sind. Denn die Hebammen können bei diesen Kursen zwar beispielsweise die Atmung bei der Geburt erklären, und sie leisten auch Stillberatung, und das machen sie richtig gut. Was sie aber den werdenden Müttern nicht bieten können, ist der unmittelbare Austausch mit anderen Schwangeren. Und auch der ist wichtig.

Ganz problematisch ist momentan der Punkt der Geburtsbegleitung. Eine beträchtliche Zahl von Kliniken lässt es nicht zu, dass die Partner oder auch die Partnerinnen bei der Geburt mit dabei sind. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Die werdenden Eltern leben ja in der Regel zusammen, da gibt es keine zusätzliche Corona-Ansteckungsgefahr. Warum also lässt man die Frauen alleine im Kreißsaal liegen, und die Partner oder Partnerinnen müssen draußen vor der Tür der Klinik ausharren? Auch die WHO hat erklärt, dass Frauen eine selbst gewählte Vertrauensperson bei der Geburt bei sich haben sollen. Das Verhalten der Kliniken finde ich problematisch.

Ich möchte ausdrücklich betonen: Die Partnerinnen und Partner werden im Kreißsaal gebraucht, auch weil eine Hebamme oft drei Geburten gleichzeitig begleiten muss. Die Anwesenheit des Partners oder der Partnerin kann entscheidend dazu beitragen, dass die Geburt natürlich verläuft. Eine medikamentöse Geburtseinleitung, die extrem schmerzhafte manuelle Dehnung des Muttermundes oder der Einsatz der Saugglocke sind dann nachweislich seltener. Unnötige Eingriffe in den Geburtsprozess erleben die Frauen häufig sehr negativ, nicht selten als Gewalt. Eine Frau, die ein Kind auf die Welt bringt, braucht das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Deshalb mein Appell: Sperrt die Väter beziehungsweise Partnerinnen nicht aus!

Was haben die Krankenkassen getan, und was tun Sie im Sozialparlament der Kasse, um schwangere Frauen in dieser schwierigen Corona-Zeit zusätzlich zu unterstützen?

Alle Kassen haben innerhalb kürzester Zeit telemedizinische Beratungen für Schwangere in ihr Leistungsangebot aufgenommen und bezahlen sie. Das kann gar nicht anders sein. Meine Kasse, die BARMER, hatte schon 2019 – also kurz vor Ausbruch der Pandemie – einen Vertrag mit dem Berliner Start-Up „Kinderheldin“ geschlossen. Dort bieten wir unseren Versicherten Betreuung durch erfahrene Hebammen. Diese umfasst zum Beispiel die Geburtsvorbereitung, die Rückbildungsgymnastik und die Beratung, falls nötig – alles per Telefon oder per Chat, und zwar immer dann, wenn die Frauen es brauchen. Die Kooperation sollte ursprünglich vor allem dort Lücken schließen, wo nicht immer eine Hebamme in unmittelbarer Nähe verfügbar ist, beispielsweise in ländlichen Regionen. In Corona-Zeiten passt es ideal, und auch viele andere Kassen haben dieses Angebot inzwischen übernommen.

Lassen Sie mich noch einmal auf die Schwangerschaftsabbrüche zurückkommen. Zu Beginn der Pandemie drehte sich der Streit darum, ob im Lockdown bei Stellen wie Pro Familia die Beratungen auch online stattfinden konnten, Beratungen, die ja rechtliche Voraussetzung für einen straffreien Abbruch sind. Jetzt haben Frauen zusätzlich ein Problem, einen Ort zu finden, wo sie den Abbruch vornehmen lassen können. Ich weiß von Kliniken, die gesagt haben: Schwangerschaftsabbrüche machen wir in dieser Zeit nicht, wir wollen unsere Betten freihalten für Corona-Patientinnen und -Patienten. Und das kann und darf nicht sein!

Die BARMER-Selbstverwaltung hat darauf hingewirkt, dass die Internetseite der Kasse zu Schwangerschaftskonflikten komplett überarbeitet wurde, damit jede Frau sich umfangreich informieren kann, was wann und wie zu tun ist – auch unter Pandemiebedingungen. Es gibt ja viele Dinge, über die Frauenärztinnen und -ärzte aus rechtlichen Gründen nicht im Internet informieren dürfen. Aber wir als Kasse können mithelfen, dass Frauen diese wichtigen Informationen finden. Und genau das tun wir.