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Mein Alltag mit Corona: Silke Reinhold

„Viele trinken und rauchen jetzt noch mehr. Das ist gefährlich“

Wie erleben die Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter die Pandemie? Welche Schlüsse ziehen sie für ihre Arbeit in den Sozialparlamenten der Rentenversicherung und der Krankenkassen? Silke Reinhold ist Mitglied im Verwaltungsrat der KKH. Ihre Kasse hat untersucht, wie sich der Konsum von Rauschmitteln in Corona-Zeiten verändert hat. Die ehrenamtliche Versichertenvertreterin sieht allen Anlass zu Sorge.

Frau Reinhold, Kneipen und Bars haben wegen der Pandemie ein zweites Mal schließen müssen. Hat Corona den Nebeneffekt, dass in der Bundesrepublik jetzt weniger getrunken wird?

Nein, so einfach ist es leider nicht. Der Konsum von Alkohol und Nikotin in Deutschland ist zwar allgemein leicht rückläufig, doch eben nicht bei allen. Eine aktuelle Umfrage, die unsere Krankenkasse in Auftrag gegeben hatte, belegt, dass bei vielen Menschen der Alkoholkonsum seit Beginn der Pandemie sogar gestiegen ist, besonders bei denen, die ohnehin schon mehrmals wöchentlich Wein, Bier, Sekt oder Hochprozentiges zu sich nehmen. Beim Tabak zeigt sich übrigens der gleiche Trend: Jeder dritte Gelegenheitsraucher hat angegeben, dass er jetzt häufiger zur Zigarette greift als vor Corona. Vor allem die Jüngeren gehen mit schlechtem Beispiel voran. Das ist alles nicht wirklich überraschend, denn Rauschmittel – legale wie illegale – sind ja nicht nur ein Mittel gegen Langeweile: Gerade in Krisenzeiten nutzen viele Menschen sie auch, um ihre Sorgen zu verdrängen. Das birgt aber die große Gefahr, dass aus dem stärkeren Konsum während einer schweren Phase eine Gewohnheit wird, die man nur schwer wieder loswird. So wächst das Risiko für eine Abhängigkeit.

Wie viele Menschen in der Bundesrepublik muss man als abhängig bezeichnen?

Wir sprechen nicht von ein paar tausend, sondern von mehreren Millionen. Allein in unserer Krankenkasse haben wir 110.000 Versicherte, denen die Ärzte Tabakmissbrauch diagnostiziert haben, und mehr als 28.000 Versicherte, die an Alkoholsucht leiden. Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das etwa 5,2 beziehungsweise 1,3 Millionen Menschen. Obendrauf kommt noch eine schwer kalkulierbare Dunkelziffer. Seit 2009 hat sich bei uns in der KKH die Zahl der Versicherten, die wegen exzessiven Tabakkonsums behandelt werden mussten, um 79 Prozent erhöht, die Zahl der Behandlungen wegen Rauschtrinkens um 37 Prozent. Das Problem ist also wirklich erheblich, und wir haben allen Grund zu Sorge, wenn es jetzt durch Corona noch größer werden sollte.

Was unternimmt die KKH in dieser Sache?

Unser Schwerpunkt liegt ganz klar auf der Prävention. Der Körper verträgt nur eine sehr begrenzte Menge an Alkohol, und Nikotin ist schon in kleinsten Mengen schädlich. Schon bei einer Zigarette pro Tag steigt das Risiko für eine Herzerkrankung und einen Schlaganfall. Hinzu kommt die Gefährdung der Mitmenschen: Junge Eltern, die rauchen, setzen ja nicht nur die eigene Gesundheit aufs Spiel, sondern auch die ihrer Kinder, die gezwungen sind, passiv mitzurauchen. Nikotin- und Alkoholkonsum gehören zu den Hauptrisikofaktoren für einen vorzeitigen Tod. Darüber klären wir auf, und wir beginnen damit bei den Jugendlichen – möglichst schon, bevor sie überhaupt anfangen, Drogen wie Alkohol zu konsumieren. Wir als KKH unterstützen deshalb in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Suchtprävention Villa Schöpflin das Projekt „Tom & Lisa“. Das ist ein interaktives Planspiel, in dem Schüler der 7. und 8. Klasse spielerisch über die Gefahren exzessiven Rauschtrinkens aufgeklärt werden. Sie lernen, wie sie verantwortungsbewusst mit Alkohol umgehen können und wie sie in Gefahrensituationen reagieren sollten. An dieser Aufgabe wirken wir als Krankenkasse gern mit.