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Mein Alltag mit Corona: Rainer Schumann (DAK-Gesundheit)

„Homeschooling ist kein Ersatz“

Wie erleben die Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter die Pandemie? Wie erfüllen die Sozialparlamente der Rentenversicherung und der Krankenkassen unter Corona-Bedingungen ihre Aufgaben? Rainer Schumann ist Mitglied des Verwaltungsrates der DAK-Gesundheit. Er ist in Sorge, welche Folgen die zur Eindämmung der Pandemie verhängten Maßnahmen wie das Homeschooling für die psychische Gesundheit der Schulkinder haben können.

Herr Schumann, viele Kinder tun sich schwer mit den Corona-Kontaktbeschränkungen. Wie erleben Sie es selbst in Ihrer Familie? Sie haben Enkel im Schulalter. Wie kommen die damit zurecht, dass sie wegen des Lockdowns ihre Freunde nicht mehr jeden Tag in der Schule sehen können?

Die Kontaktbeschränkungen machen ihnen heftig zu schaffen. Sie telefonieren jetzt viel mit ihren Freunden, aber das ist nicht dasselbe wie ein richtiges Gespräch, bei dem man sich gegenübersitzt. Die Mimik, die Gestik, das kommt alles nicht rüber. Auch Videotelefonate sind kein wirklicher Ersatz, sondern nur die etwas weniger schlechte Lösung. Homeoffice der Eltern und Homeschooling vertragen sich ebenfalls nicht wirklich miteinander. Schulische und soziale Probleme, die schon vorher da waren, verstärken sich durch Corona weiter; am Ende geht durch die Pandemie die soziale Schere in der Bundesrepublik noch weiter auseinander. Leicht ist die Lage sicherlich für niemanden, aber Kinder leiden auf besondere Weise unter dieser ganzen Situation, und das bemerke ich natürlich auch bei meinen Enkeln: Sie werden aus ihrem Umfeld herausgerissen, und sie spüren, wie sich schleichend die Einsamkeit breitmacht.

Ihre Krankenkasse hat vor kurzem untersuchen lassen, wie sich Corona, Lockdown und Homeschooling auf die psychische Gesundheit von Kindern auswirken. Was kam dabei heraus?

Ja, wir haben gleich nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr eine Homeschooling-Studie in Auftrag gegeben. Jedes vierte Schulkind sagte von sich selbst, das es sich in dieser Zeit oft oder sehr oft traurig fühle. Die Zehn- bis Zwölfjährigen waren besonders betroffen, die 13- bis 15-Jährigen konnten offenbar schon etwas besser mit der Situation umgehen. Diese Studie ist für uns ein Warnsignal, denn sie weist auf das Risiko hin, dass die mit der Pandemie einhergehenden Einschränkungen des täglichen Lebens zu mehr psychischen Auffälligkeiten bei den Heranwachsenden führen könnten. Wir müssen uns wirklich vor Augen halten, dass Schulschließungen ein ganz, ganz tiefer Eingriff in das Leben der Kinder und Jugendlichen sind. Sie bewirken oder verstärken Unsicherheiten bei jungen Menschen, die noch nicht gelernt haben, mit solchen Stresssituationen umzugehen. Homeschooling mag ein wichtiger Notbehelf sein, aber es kann den üblichen Schulbetrieb nie ersetzen. Als Vertreter der Versicherten sage ich deshalb: Zur Eindämmung von Corona dürfen Schulschließungen tatsächlich nur das allerletzte Mittel sein.

Wie lange wird es dauern, bis mit der Psyche unserer Kinder alles wieder einigermaßen „in Ordnung kommt“, wenn die Pandemie erst einmal ausgestanden ist?

Geben wir uns keinen Illusionen hin! Auch vor Corona war die seelische Belastung für viele Schulkinder schon hoch, oder besser gesagt: viel zu hoch. Auch dazu gibt es eine aktuelle Studie der DAK-Gesundheit, den „Präventionsradar 2020“, den wir gemeinsam mit dem Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) in Kiel vorgelegt haben. Fünf Prozent der befragten Jungen und erschreckende 19 Prozent der Mädchen gaben in der Befragung an, dass sie sich oft niedergeschlagen und unglücklich fühlten. 25 Prozent der Schulkinder sagten, sie hätten mehrere Male in der Woche oder sogar täglich Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen. Von den Über-15-Jährigen sagten 46 Prozent, sie fühlten sich mehrmals in der Woche oder sogar täglich erschöpft. Es kann und darf uns nicht gleichgültig lassen, dass Kinder und Jugendliche sich schon so belastet zeigen. Da muss etwas passieren. Dafür stehen wir alle – in den Familien, als Lehrer und Erzieher, als Krankenkassen, als Gesellschaft insgesamt – in der Verantwortung.