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Mein Alltag mit Corona: Horst Zöller

26.10.201

„Viele Probleme kommen mit Zeitverzögerung bei uns in den Krankenkassen an“

Wie erleben die Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter die Pandemie? Wie erfüllen die Sozialparlamente der Rentenversicherung und der Krankenkassen unter Corona-Bedingungen ihre Aufgaben? Horst Zöller ist Stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates der DAK-Gesundheit. Er berichtet von gesundheitlichen Nebenwirkungen, die durch die Verhaltensregeln in der Pandemie ausgelöst wurden, und er erklärt, was gerade die Arbeitgeber tun können, um das Wohlergehen ihrer Beschäftigten auch in schwierigen Zeiten zu fördern.

 

Herr Zöller, eine Umfrage für die DAK-Gesundheit hat ergeben, dass in der Pandemie ein Drittel der Beschäftigten mindestens drei Kilo zugenommen hat, sieben Prozent legten sogar mehr als fünf Kilo drauf. Hand aufs Herz: Sie auch?

Nein, ich gehöre nicht dazu. Meine Frau und ich haben den Anfang der Pandemie zum Anlass genommen, mit dem Intervallfasten zu beginnen, und das haben wir durchgehalten. Ich habe sogar rund zehn Kilo abgenommen. Leicht war es nicht, aber zu zweit kann man sich immer schön an die guten Vorsätze erinnern: Man kontrolliert sich gegenseitig, schon gar, wenn man so viel zusammen ist wie in diesen Corona-Monaten mit ihren Kontaktbeschränkungen.

Viele andere sind nicht so gut durch die Lockdown-Zeit gekommen. In der erwähnten Umfrage geben zum Beispiel 71 Prozent der im Homeoffice Beschäftigten an, dass sie sich weniger bewegen als vorher. 32 Prozent der Befragten berichten, dass sie häufiger unter Rückenbeschwerden leiden als vor der Pandemie. Eine „Nebenwirkung“ von Corona?

Daran habe ich wenig Zweifel. Das Problem betrifft auch keineswegs nur die, die lange Zeit im Homeoffice verbrachten und zu wenig Bewegung bekamen, was sich dann in den Extra-Kilo auf der Waage äußerte. In meiner Berufsbranche – ich war viele Jahre lang imPersonalwesen einer großen Handelsgruppe tätig – gibt es zum Beispiel viele Außendienstler. Sie arbeiten mit dem Laptop von überall aus, und die ergonomischen Bedingungen lassen oft zu wünschen übrig. Früher waren es aber eher einzelne oder auch mehrere Tage, an denen sie keinen vernünftig eingerichteten Arbeitsplatz zur Verfügung hatten. Jetzt, unter Corona, waren es manchmal ganze Wochen. Das hat Folgen.

Bemerkenswert ist, dass wir anfangs keinen signifikanten Anstieg bei den Krankschreibungen beobachten konnten im Vergleich zu normalen Zeiten. Die Auswirkungen wurden erst deutlich, als es wieder überall in den Betrieben mehr Präsenzphasen gab. Ich habe noch viel Kontakt zu den Arbeitsschützern, und die haben mir viele Beispiele aufgezählt. Von den zunehmenden Rückenschmerzen, die gewissermaßen erst mit Zeitverzögerung in den Betrieben und bei uns in den Krankenkassen ankamen. Und von psychischen Erkrankungen, die mit sozialem Stress unter der Pandemie zu tun hatten. Von Eltern, deren Kinder mit am Tisch saßen, während sie sich auf die Arbeit zu konzentrieren versuchten. Von Alleinerziehenden, die es besonders schwer hatten. All diese Dinge haben wir später an der Zahl der Krankmeldungen ganz klar nachvollziehen können.

Sie kennen die Probleme aus der Arbeitgeber-Sicht und zugleich aus dem Blickwinkel des Selbstverwalters in Ihrer Krankenkasse. Tun die Unternehmen in Ihrer Wahrnehmung genug für gute Prävention?

Viele Arbeitgeber haben sehr gut erkannt, dass die Mitarbeitenden ein ganz wertvoller Faktor im Unternehmen sind, und sie kümmern sich. Große Unternehmen mit einem ausgebauten Personalwesen, mit Fachleuten vor Ort, führen oft selbst Programme durch und nehmen die Krankenkassen nur zur Beratung in Anspruch. Kleinere Unternehmen – in meiner eigenen Branche etwa die vielen selbstständigen Einzelhändler – benötigen die Krankenkassen dagegen sehr viel stärker, weil sie das nötige Knowhow im eigenen Hause einfach nicht haben. Für sie sind die Programme für betriebliches Gesundheitsmanagement, die wir als Krankenkassen anbieten, wirklich eine große Hilfe. Unsere DAK-Gesundheit veranstaltet zum Beispiel auch kostenlose Online-Kurse mit Informationen und Tipps für Beschäftigte, die jetzt regelmäßig oder dauerhaft zu Hause arbeiten. Seit Corona ist der Bedarf dafür stark gewachsen.

Aus meiner Erfahrung der Arbeit in den Verbänden muss ich aber ehrlicherweise sagen: Es gibt auch Arbeitgeber, die das alles gar nicht interessiert. Um an sie heranzukommen, suchen wir als Krankenkasse die Zusammenarbeit mit den Berufsgenossenschaften, also mit den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung. Deren technische Aufsichtsbeamte sind in allen Betrieben drin und haben die Möglichkeit zu sehen, wie dort mit gesundheitlichen Problemen und Risiken umgegangen wird. Wenn wir gemeinsam agieren, können wir die Prävention auch in diesen Betrieben erheblich verbessern, denke ich.