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Mein Alltag mit Corona: Dr. Alexandra Zoller

„Die richtige Pflege-Beratung für jeden Einzelfall“

Wie erleben die Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter die Pandemie? Welche Schlüsse ziehen sie für ihre Arbeit in den Sozialparlamenten der Rentenversicherung und der Krankenkassen? Frau Dr. Alexandra Zoller arbeitet beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) in Berlin in der Abteilung Qualitätsprüfungen Pflege, ehrenamtlich wirkt sie als gewählte Versichertenvertreterin im Verwaltungsrat der BARMER und im dortigen Ausschuss für Pflege mit. Gerade im Bereich der Pflege, sagt sie, ist die individuelle Beratung durch nichts zu ersetzen.

Frau Dr. Zoller, Millionen Menschen in Deutschland kümmern sich um pflegebedürftige Angehörige. Wie kommen sie in diesen Corona-Zeiten zurecht?

Die Pandemie bedeutet für sie eine zusätzliche Belastung, das ist gar keine Frage. An vielen Orten mussten die Tagespflegen geschlossen bleiben. Pflegedienste konnten nicht kommen. Am Anfang mangelte es bekanntlich an Schutzausrüstung. Eltern mussten zu Hause die eigenen Kinder betreuen und gleichzeitig die Pflege ihrer Angehörigen umorganisieren. Das war alles andere als einfach. Obendrein hat sich durch Corona plötzlich noch ein neues Gesundheitsrisiko aufgetan. Die Pflegenden stecken oft in einer Zwickmühle. Einerseits wollen sie die Pflegebedürftigen nicht allein lassen. Andererseits haben sie die Sorge, sie könnten selbst das Virus übertragen und so paradoxerweise dem Menschen Schaden zufügen, dem sie doch nur helfen wollen. Daraus hat sich verständlicherweise große Verunsicherung ergeben.

Umso mehr ist es Aufgabe der Solidargemeinschaft und auch unsere Aufgabe in den Gremien der Sozialen Selbstverwaltung, den Betroffenen zielgerichtet genau die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigen. Wenn Menschen bis an die eigene Belastungsgrenze gehen, um dem oder der Pflegebedürftigen die größtmögliche Lebensqualität zu erhalten; wenn sie oft ihren gesamten Alltag nach den Bedürfnissen des anderen ausrichten; wenn sie mit ihrem Engagement zeigen, dass wirklich jeder Einzelne zählt in unserer Gesellschaft – dann verdienen sie unsere Wertschätzung und unsere ganz praktische Hilfe.

Welche Hilfe kann das sein?

Pflegende Angehörige brauchen jetzt zum einen finanzielle Unterstützung, die über einen einfachen Ausgleich für die aufgewendete Zeit hinausgeht – denken wir nur an den erhöhten Aufwand für den hygienischen Bedarf wie Desinfektionsmittel oder Handschuhe. Deshalb ist es gut, dass gesetzliche Regelungen getroffen wurden, um beispielsweise die Kostenerstattung für Pflegehilfsmittel auszuweiten. Zum anderen aber, und das ist vielleicht noch entscheidender, benötigen die Betroffenen Zeit – egal, ob sie selbst die Pflegearbeit leisten oder ob sie die Pflege durch Dritte neu organisieren müssen. Beschäftigten, die dafür eine Freistellung von der Arbeit brauchen, wird geholfen mit der befristeten Änderung der Regeln für die Familien- und Pflegezeit. Ganz wichtig ist aus meiner Sicht auch, dass man bis Ende des Jahres Anspruch auf bis zu 20 Tage statt wie bisher auf zehn Tage Pflegeunterstützungsgeld hat, wenn ein Angehöriger plötzlich in die Situation gerät, dass er verstärkt Pflege benötigt.

Welche Hilfen bieten die Kassen an?

Besonders wichtig ist die individuelle Beratung der Versicherten. Es ist ganz entscheidend, dass jemand von der Kasse vorbeikommt und wirklich zuhört und dass man dann gemeinsam darüber nachdenkt: Wie können wir diesen Einzelfall strukturieren? Viele Menschen empfinden das Gesundheitssystem als einen Dschungel, in dem sie sich nicht ohne weiteres zurechtfinden. Dann kommt es darauf an, ihnen die richtigen Informationen genau für ihre Situation zukommen zu lassen. Je besser die Beratung auf den Einzelfall zugeschnitten ist, desto größer ist die Entlastung sowohl für die pflegenden Angehörigen als auch für die Pflegebedürftigen.

Die Kassen haben eine ganze Reihe von Beratungsangeboten geschaffen. Es gibt Pflegekurse, und es gibt Online-Angebote wie zum Beispiel unseren BARMER-Pflegecoach, der ganz konkretes praktisches Wissen vermittelt. Andere Angebote richten sich ganz direkt an die pflegenden Angehörigen, an diejenigen also, die bereit sind, die Verantwortung für die Betreuung von ihnen vertrauten Menschen zu übernehmen. Es ist ja niemandem geholfen, wenn sie zwar pflegen wollen, aber irgendwann einen Punkt erreichen, an dem ihre physischen oder psychischen Kraftressourcen einfach erschöpft sind. Nur wer sich auch um sich selbst kümmert und seine Kraft erhält, kann den erhöhten Aufwand, den Pflege bedeutet, über längere Zeit leisten.