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Mein Alltag mit Corona: Andrea Büricke (KKH)

02.08.2021

„Corona bedeutet Stress – auch für Schüler“

Wie erleben die Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter die Pandemie? Wie erfüllen die Sozialparlamente der Rentenversicherung und der Krankenkassen unter Corona-Bedingungen ihre Aufgaben? Andrea Büricke ist Mitglied des Verwaltungsrates der KKH. Sie mahnt, Kinder und Jugendliche zu Beginn des neuen Unterrichtsjahres nicht mit zu hohen Erwartungen zu belasten. Zu hoher Druck seitens der Schule oder der Eltern könnte leicht zu gesundheitlichen Problemen führen.

Frau Büricke, das neue Schuljahr beginnt mit den gleichen Fragen, mit denen das alte endete: Gibt es wieder Wechselunterricht oder Homeschooling? Was ist mit der Maskenpflicht im Klassenraum? Welche Aktivitäten nach der Schule sind erlaubt, welche nicht? Wie erleben Sie aus der Perspektive der Sozialen Selbstverwaltung diese Situation?

Einige von uns sind nach fast anderthalb Jahren Corona inzwischen ziemlich abgehärtet, aber viele andere sind es definitiv nicht, und gerade wenn es um die Kinder geht, müssen wir besonders sensibel sein. Eine aktuelle Umfrage für unsere Krankenkasse hat ergeben, dass sich sehr viele Eltern erhebliche Sorgen machen, welche Folgen die Pandemie für ihren Nachwuchs haben wird – und zwar nicht nur kurz- oder mittelfristig, sondern auch langfristig. Da ist zum Beispiel die Befürchtung, die Kinder könnten durch fehlenden Präsenzunterricht den Anschluss in der Schule verlieren. Von den Elternpaaren hegt mehr als ein Viertel diese Sorge, von den Alleinerziehenden sind es sogar mehr als ein Drittel.

Rund ein Drittel der Alleinerziehenden und rund ein Fünftel der Elternpaare befürchten, dass ihr Kind durch die Pandemie seelische Erkrankungen wie Depressionen oder Angst-störungen davontragen könnte. 53 Prozent der Alleinerziehenden und 44 Prozent der Paare haben in unserer Umfrage angegeben, sie rechneten damit, dass ihr Kind wegen Corona am Ende schlechtere Chancen im Beruf haben werde. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Und die Kinder selbst? Wie kommen sie mit der Corona-Unsicherheit zurecht?

Auch unter den Kindern empfindet die große Mehrheit die Corona-Einschränkungen als Belastung und als Quelle von zusätzlichem Stress. Monatelang kein Training im Sportverein, kein gemeinsames Üben in der Musikgruppe oder im Chor, viel weniger Treffen mit Freunden als vor der Pandemie – all diese Dinge haben bei mehr als 80 Prozent der Schüler aller Altersstufen auf die Seele geschlagen. 55 Prozent der von uns befragten Eltern haben außerdem beobachtet, dass sich ihr Kind durch Homeschooling unter Druck gesetzt fühlt, unter alleinerziehenden Eltern waren es sogar 63 Prozent. Ganz besonders Familien mit mehreren Kindern und wenig Platz für konzentriertes Arbeiten bekommen das zu spüren. Kinder leiden unter Stress nicht weniger als Erwachsene, nur anders. Sie klagen dann zum Beispiel über Kopfschmerzen, oder der Bauch tut ihnen weh, viele können schlecht einschlafen. So produziert die Pandemie Nebenwirkungen, die mit COVID-19 selbst eigentlich gar nichts zu tun haben.

Was können Sie in der Krankenkasse tun, um zu verhindern, dass der Corona-Stress die Versicherten und besonders die Kinder krank macht?

Unmittelbar sehr wenig, mittelbar aber eine ganze Menge. Als Versichertenvertreterin appelliere ich in dieser komplizierten Zeit an alle Eltern und auch an die Lehrer, Geduld aufzubringen. Nach der Pandemie wird nicht sofort alles wieder so sein wie früher – für uns Erwachsene nicht und auch nicht für die Kinder. Es wäre also grundverkehrt, von ihnen zu verlangen, dass sie das, was sie in der Schule versäumt haben, so schnell wie möglich wieder aufholen. Das ist nicht möglich, zumindest nicht bei allen! Die Kinder brauchen Unterstützung und Zuwendung, nicht Druck. Andernfalls riskieren wir, dass sich der Stress ganz schnell in psychischen Störungen bei den Kindern niederschlägt. In den vergangenen Wochen sind die Anmeldungen in den Kinder- und Jugendpsychiatrien in Deutschland wieder angestiegen. Wir sind also gewarnt. Um die psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stärken und ein gesundes Aufwachsen zu fördern, bieten praktisch alle Krankenkassen entsprechende Präventionsprogramme an. Wir als KKH arbeiten dabei mit dem Deutschen Zentrum für Präventionsforschung (DZPP) zusammen. Wir haben spezielle Programme für Kita- und für Grundschulkinder ebenso wie für Teenager. Wer Hilfe braucht, sollte sich also unbedingt an uns wenden. Dafür sind wir als Krankenkasse schließlich da.