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Mein Alltag mit Corona: Andrea Büricke (KKH)

„Die Pandemie wird zum Risiko für die Sprechentwicklung von Kindern“

Wie erleben die Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter die Pandemie? Wie erfüllen die Sozialparlamente der Rentenversicherung und der Krankenkassen unter Corona-Bedingungen ihre Aufgaben? Andrea Büricke ist Mitglied des Verwaltungsrates der KKH. Sie verfolgt mit Beunruhigung, welche Auswirkungen das Homeschooling auf die Sprechentwicklung von Kindern haben könnte.

Frau Büricke, über kaum ein Thema wird in diesen Corona-Zeiten so heiß debattiert wie über die Öffnung oder Schließung von Schulen und Kitas. Ihre Krankenkasse hat jüngst einen Punkt in den Fokus gerückt, der leicht übersehen werden könnte: die Schule als Ort der Sprechentwicklung für Jungen und Mädchen. Wie wichtig ist die Schule in diesem Sinne?

Ganz, ganz wichtig. Neben der Familie ist sie der zentrale Ort für den Erwerb von Kernkompetenzen, zu denen auch das Erlernen von Sprache und präziser Kommunikation zählt. Daten unserer Krankenkasse zeigen, dass bei mehr als sieben Prozent der Heranwachsenden Sprach- und Sprechstörungen diagnostiziert werden, zum Beispiel Wortschatzdefizite oder Schwierigkeiten, bestimmte Laute zu artikulieren, Sätze zu bilden oder zu verstehen. Unter den Sechs- bis Zehnjährigen sind sogar rund 15 Prozent betroffen. Unter den Mädchen im schulpflichtigen Alter weist jedes achtzehnte eine Sprechstörung auf, unter den Jungen sogar jeder elfte, wie die KKH-Auswertung zeigt. Und die Probleme werden größer und nicht kleiner: In der gesamten Altersgruppe zwischen sechs und 18 Jahren ist die Zahl der Betroffenen seit 2009 um 56 Prozent gewachsen, in der Gruppe der Elf- bis 14-Jährigen um 117 Prozent und in der Gruppe der 15- bis 18-Jährigen sogar um 142 Prozent. Diese Entwicklung ist wirklich beunruhigend, und es gehört zu unserem Selbstverständnis als Versichertenvertreter, dass wir die Gesellschaft auf diese Probleme aufmerksam machen.

Werden die von Ihnen beschriebenen Sprechstörungen durch die zeitweiligen Schulschließungen nun noch weiter zunehmen? Oder anders gefragt: Schadet Homeschooling der Sprachkompetenz?

Halten wir zunächst fest, dass Sprachentwicklungsstörungen sehr unterschiedliche Ursachen haben können. Hörstörungen oder Erbkrankheiten können eine Rolle spielen, ebenso aber auch mangelnde Sprachförderung in der Familie, und obendrein können zu viele Stunden vor dem Fernseher, am PC oder am Smartphone die Symptome verstärken. Damit sind wir dann aber tatsächlich beim Homeschooling angelangt. Wenn wegen der Pandemie der unmittelbare Austausch mit Lehrern und Mitschülern wegfällt und durch Arbeit allein zu Hause vor dem PC ersetzt wird: Ja, dann kann das der allgemeinen Sprachkompetenz schaden, die einfach weniger trainiert wird. Wir brauchen aber die Fähigkeit, Sprache als Kommunikationsmittel uneingeschränkt einzusetzen. An ihr hängt der persönliche, soziale und berufliche Erfolg für unser ganzes Leben.

Was also ist zu tun?

Aus meiner Sicht muss unsere Gesellschaft alles, aber wirklich alles unternehmen, um weitere Schulschließungen zu vermeiden. Homeschooling ist keine Lösung! Unabhängig davon kommt es darauf an, dass Sprachauffälligkeiten bei Kindern frühzeitig erkannt und – soweit notwendig – auch therapeutisch behandelt werden. Eltern müssen genau beobachten, ob ihr Kind altersgerecht spricht. Sie sollten viel Geduld haben, denn Sprachentwicklung ist ein Prozess, der Zeit braucht. Helfen kann man zum Beispiel, indem man seinem Kind viel vorliest, wenn es noch klein ist. Auch das ist ein Sprachreiz. Wenn Eltern aber das Gefühl haben, dass eine Störung vorliegt, sollten sie sich an Ihren Kinderarzt wenden. Die von den Krankenkassen finanzierten U-Untersuchungen bieten dafür regelmäßig eine gute Gelegenheit. Gefragt sind auch Lehrer und Erzieher, denn manchmal werden Sprachstörungen zum Auslöser für Spott durch andere Kinder. Das kann die Betroffenen dazu bringen, dass sie noch weniger sprechen und damit weiter zurückbleiben, und es kann sie auch psychisch stark belasten und Ängste heraufbeschwören. Das dürfen wir nicht zulassen.