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„Besserer Schutz durch weniger Antibiotika“

Der Einsatz von Antibiotika in Deutschland geht zurück. Im Durchschnitt verschreiben die Ärzte heute elf Prozent weniger Antibiotika als noch vor zehn Jahren, wie Versichertendaten der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) zeigen. Kinder unter fünf Jahren erhalten sogar 29 Prozent weniger Antibiotika verordnet als 2009. Anke Fritz, ehrenamtliches Mitglied im Verwaltungsrat der KKH, erläutert, was diese Entwicklung bedeutet.

Patienten in Deutschland werden seltener mit Antibiotika behandelt als früher. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Das ist eine gute Nachricht! Antibiotika sind wirklich großartige Arzneimittel, manchmal sogar wahre Lebensretter. Sie helfen dem Abwehrsystem unseres Körpers aber nur bei bakteriellen Infektionen, zum Beispiel einer von Bakterien hervorgerufenen Blasenentzündung. Gegen Fieber, Husten oder Schnupfen nutzen sie hingegen herzlich wenig, denn Erkältungskrankheiten werden ebenso wie eine Grippe in neun von zehn Fällen von Viren ausgelöst. Verschreibt der Arzt dann trotzdem Antibiotika, tut er seinem Patienten nichts Gutes – im Gegenteil. Denn werden diese Medikamente zu häufig und zu lange eingenommen, kann es passieren, dass der Körper Resistenzen bildet. Dann bleiben diese Medikamente wirkungslos, wenn wirklich einmal der Ernstfall eintritt. Als Versichertenvertreterin weiß ich aus vielen Gesprächen, dass Patienten oft von ihrem Arzt geradezu erwarten, dass er ihnen ein Antibiotikum verschreibt. Es ist aber ganz im Sinne der Versicherten, dass die Ärzte in den letzten Jahren für dieses Thema sensibler geworden sind und vielfach nur noch dann Antibiotika verschreiben, wenn es unbedingt erforderlich ist.

Wer ist besonders gefährdet?

Besonders in Krankenhäusern treten Keime auf, die eine Lungenentzündung, Blutvergiftung oder auch Wundinfektion verursachen können und gegen die so gut wie kein Antibiotikum mehr wirkt. Das Risiko ist besonders hoch für Menschen mit einem schwachen Immunsystem oder einer Autoimmunerkrankung wie Diabetes Typ 1 oder Multiple Sklerose, ebenso für Kinder, ältere Menschen, Krebspatienten und frisch Operierte. Das Problem beschränkt sich übrigens nicht auf Deutschland: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nehmen Antibiotikaresistenzen weltweit alarmierend zu. Hundert Jahre medizinischer Fortschritt stehen auf dem Spiel. Als Selbstverwalter in den Ersatzkassen nehmen wir dieses Problem sehr, sehr ernst.

Was kann der Einzelne tun, um das Risiko zu mindern?

Es ist wichtig, ein Antibiotikum wie vom Arzt oder Apotheker vorgegeben einzunehmen und es nicht etwa vorzeitig abzusetzen, weil man sich vielleicht schon besser fühlt. Angebrochene Packungen sollte man über den Hausmüll entsorgen, statt sie vielleicht aufzubewahren und beim nächsten Infekt auf eigene Faust einzunehmen. Auf keinen Fall sollte man sie an Dritte weiterreichen. Jeder Therapie mit Antibiotika sollte eine gründliche Untersuchung durch den Arzt vorausgehen, und nur wenn es medizinisch unbedingt notwendig ist, sollten diese Mittel zum Einsatz kommen. Denn Antibiotika, vor allem Breitband-Antibiotika, können außer dem Krankheitserreger auch etliche nützliche Bakterien im Körper zerstören und so weitere Erkrankungen verursachen.