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Nicht nur wegen Corona: Immer mehr Kinder haben Probleme beim Sprechen

25.04.2022

Die Sprache ist unser Tor zur Welt. Sie gehört zu dem, was das Mensch-Sein ausmacht. Doch auch wenn die Fähigkeit, durch Sprache miteinander zu kommunizieren, uns gewissermaßen in die Wiege gelegt ist: Zunächst muss jeder Mensch die Sprache und das richtige Sprechen erst einmal erlernen. Kinder brauchen dafür den direkten Austausch, und zwar nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit Gleichaltrigen. Mangelt es daran, und kommen dann auch noch erschwerende Bedingungen wie die Corona-Krise mit Lockdown, Homeschooling und Wechselunterricht in den Schulen hinzu, dann hat das Folgen, wie eine aktuelle Untersuchung der KKH Kaufmännische Krankenkasse zeigt.

Den Zahlen der KKH zufolge lag 2020, im ersten Corona-Jahr also, die Zahl der 6- bis 18-Jährigen mit der Diagnose einer Sprach- und Sprechstörung um rund 52 Prozent höher als zehn Jahre zuvor. Fast acht Prozent der Heranwachsenden waren betroffen, bei den 6- bis 10-Jährigen sogar jedes siebte Kind. Einen deutlichen Unterschied gab es zwischen Jungen und Mädchen: Unter den Mädchen litt jedes 17., unter den Jungen hingegen jeder Elfte unter einer Sprachentwicklungsstörung – vom Unvermögen, bestimmte Laute zu artikulieren, über Wortfindungsstörungen bis hin zu Problemen, Sätze zu bilden oder zu verstehen.

Für die Soziale Selbstverwaltung in den Krankenkassen sind diese Zahlen ein Alarmsignal. „Es ist wichtig für die betroffenen Kinder und wichtig für uns als Gesellschaft insgesamt, dass Sprachentwicklungsstörungen so früh wie möglich festgestellt und von einer Logopädin oder einem Sprachheilpädagogen therapiert werden. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Sprachentwicklung zu unterstützen, sobald die Probleme erst einmal erkannt worden sind“, sagt Andrea Büricke, ehrenamtliche Selbstverwalterin im Sozialparlament der KKH. Besonders hilfreich seien in diesem Zusammenhang die von den Krankenkassen finanzierten regelmäßigen U-Untersuchungen beim Kinderarzt, bei denen gesundheitliche Probleme und Auffälligkeiten in der kindlichen Entwicklung festgestellt werden können. Als Versichertenvertreterin könne sie allen Familien nur dringend raten, dieses Angebot wahrzunehmen.

Erleichtert zeigt sich Andrea Büricke darüber, dass die Schulen in Deutschland trotz zuletzt hoher Corona-Inzidenzwerte nicht wieder geschlossen wurden wie zu Beginn der Pandemie. „Vielen Heranwachsenden fehlte in der Zeit von Homeschooling, Distanz- und Wechselunterricht etwas Entscheidendes: der direkte Austausch mit Gleichaltrigen“, erklärt sie. „Wenn Kinder und Jugendliche nicht miteinander reden, von Erlebnissen berichten und meinetwegen auch miteinander streiten können, hat das auch Auswirkungen auf die Sprachentwicklung.“ Dass während der Pandemie die Behandlung von Sprachauffälligkeiten vielfach nicht oder erst verspätet beginnen konnte, sei kaum zu vermeiden gewesen, doch umso mehr müsse das Versäumte jetzt nachgeholt werden. „Das sind wir den Kindern und ihren Eltern schuldig“, betont die Versichertenvertreterin. „Wir lassen sie mit ihren Problemen nicht allein.“