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Pflegeberufe müssen attraktiver werden

12.05.2022

Pflegekräfte dringend gesucht – das gilt schon heute, und es gilt umso mehr, wenn man einen Blick in die nahe Zukunft richtet. 4,5 Millionen Frauen und Männer sind aktuell in Deutschland pflegebedürftig, im Jahr 2030 werden es aller Voraussicht nach sechs Millionen sein, wie der BARMER Pflegereport 2021 zeigt. Ein Großteil der Betreuung dieser Menschen wird von Familienangehörigen und Freunden in der häuslichen Umgebung geleistet, doch für viele Tätigkeiten in stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen kommen nur professionelle Kräfte in Frage. Da aber tut sich eine große Lücke auf: Zusätzlich zu den aktuell rund 910.000 Pflegekräften werden 2030 weitere 180.000 Pflegerinnen und Pfleger mit unterschiedlicher Ausbildung benötigt.

„Um den drohenden Pflegenotstand abzuwenden, müssen wir die Arbeit in der Alten- und Krankenpflege endlich angemessen würdigen und die Pflegeberufe attraktiver machen“, kommentiert Karl-Heinz Plaumann, ehrenamtlicher Versichertenvertreter im Verwaltungsrat der BARMER und Vorsitzender des Ausschusses für Verträge, Versorgung, Rehabilitation und Pflege, die Ergebnisse des Pflegereports. „Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, eine Reduzierung der körperlichen und psychischen Belastung und eine faire Entlohnung. Die Ankündigung der Bundesregierung, unter anderem einen Anspruch auf familienfreundliche Arbeitszeiten in der Pflege einzuführen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist höchste Zeit, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch in dieser Branche weiter gestärkt wird. Deshalb gilt es, dies schnell umzusetzen. Sonst werden wir schon in wenigen Jahren nicht mehr wissen, wer uns bei der Pflege unserer Eltern oder anderer Angehöriger helfen soll.“

Arbeit in der Pflege bietet berufliche Erfüllung, sie setzt aber eine anspruchsvolle Ausbildung voraus und bedeutet einen anstrengenden Arbeitsalltag bei zumeist wenig attraktiver Bezahlung. Viele Pflegekräfte wandern in andere, weniger belastende Berufe ab. In den letzten Jahren gelang es zwar, das Personaldefizit zu großen Teilen durch migrantische Pflegekräfte aufzufangen, doch dieser Effekt lasse sich nicht beliebig steigern, warnt der BARMER Pflegereport: Auch alle anderen EU-Länder litten an einem Pflegekräftemangel, und der demografische Wandel erfasse nach und nach die ganze Welt. „Die Lösung kann nur darin liegen, mehr Menschen in Deutschland für eine Ausbildung in der Pflege zu begeistern“, erklärt Plaumann. „Zugleich muss es uns gelingen, die Anzahl derer, die vorzeitig aus dem Pflegeberuf ausscheiden, zu verringern.“

Unabhängig davon müsse auch mehr für die Menschen getan werden, die in der häuslichen Umgebung ihre pflegebedürftigen Angehörigen selbst versorgen, sagt Plaumann.

„Mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen wird von der Familie oder von Freunden und Bekannten versorgt. Die Gesamtzahl der an der Pflege beteiligten Privatpersonen wird auf rund 4,6 Millionen geschätzt. Wenn es diesen ‚größten Pflegedienst Deutschlands‘ nicht gäbe, müssten weit mehr Menschen stationär versorgt werden. Dies würde die angespannte Lage in der Pflege weiter verschärfen“, sagt Plaumann. „Die von der Bundesregierung angekündigte Lohnersatzleistung für die Zeit, in der die Pflegeperson eine Auszeit vom Beruf nehmen muss, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wir können es uns nicht leisten, dass die Hilfsbereitschaft privater Pflegepersonen an der Last der Pflege zerbricht.“

Der ehrenamtliche Verwaltungsrat der BARMER erinnert zugleich an bereits bestehende Angebote für pflegende Angehörige, die noch stärker als bisher genutzt werden sollten. Das betreffe zum Beispiel das Pflegeunterstützungsgeld für Berufstätige, die kurzfristig eine Auszeit im Job benötigen, weil für einen Angehörigen eine Pflegehilfe organisiert werden muss. „Ich kann nur allen Betroffenen raten, die bestehenden Hilfsangebote zu nutzen“, sagt Plaumann. Er verweist außerdem auf das Seminar „Ich pflege – auch mich“, das die BARMER speziell für pflegende Angehörige entwickelt hat. „Sie erhalten bei uns professionelle Anleitung zur Pflege und lernen dabei auch, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blick zu verlieren.“

Der Internationale Tag der Pflege wurde 1965 ins Leben gerufen und soll die Arbeit der Menschen würdigen, die in Pflegeberufen Kranken und Alten helfen. Er findet jährlich am 12. Mai statt, dem Geburtstag von Florence Nightingale, die als Pionierin der modernen Krankenpflege gilt.